
Netra
Netra (netra; Sanskrit für „Auge") bezeichnet im ayurvedischen Kontext das Auge als Sinnesorgan und zugleich jenen Bereich der klassischen Medizin, der sich mit Erhalt, Pflege und Wiederherstellung der Sehkraft befasst. Der Gesundheit der Augen wird eine herausgehobene Bedeutung zugeschrieben: Traditionell wird angenommen, dass der Verlust des Sehvermögens die Vielfalt der Welt in einen einzigen Zustand der Dunkelheit verwandelt, eine Vorstellung, die die zentrale Stellung dieses Organs in der ayurvedischen Lehre verdeutlicht.
Elementar gilt das Auge als überwiegend vom Feuerelement (Tejas beziehungsweise Agni) geprägt. Aus dieser feurigen Natur ergibt sich, traditionell betrachtet, eine besondere Anfälligkeit für Störungen, die durch das Dosha Kapha, dem die Elemente Wasser und Erde zugrunde liegen, verursacht werden. Innerhalb des Auges wirkt eine eigene Subform des Pitta, das Alochaka Pitta, das für die Unterstützung des Sehvorgangs, den Ausgleich von Hitze in den Augenmuskeln und -geweben sowie die Regulierung des einfallenden Lichts verantwortlich ist. Auch Vata ist am Augenfunktionieren beteiligt: Prana Vayu steuert das Öffnen und Schließen der Augen, während Kurma Vayu speziell den Lidschlag kontrolliert.
Im Rahmen der Dinacharya, der ayurvedischen Tagesroutine, wird eine spezifische Pflege zum Erhalt und zur Stärkung der Sehkraft vorgeschrieben. Dazu gehört das tägliche Auftragen von Kollyrium (Anjana), insbesondere Sauvira Anjana, dem eine aufhellende Wirkung auf das Sehvermögen zugesprochen wird. Einmal wöchentlich soll zusätzlich Rasanjana, ein wässriger Extrakt aus Berberis aristata, angewendet werden, um Sekretionen anzuregen und überschüssiges Kapha aus den Augen abzuleiten. Auch die abendliche Einnahme von Triphala mit Honig und Ghee gilt als traditionelle Maßnahme zur Stärkung der Sehkraft. Ergänzend wird die tägliche Anwendung von Nasya, etwa mit Anutaila, empfohlen: Den Nasentropfen wird zugeschrieben, sämtlichen Sinnesorganen, einschließlich der Augen, Kraft zu verleihen und Erkrankungen im Bereich oberhalb des Halses vorzubeugen. Zur allgemeinen Verhaltensempfehlung gehört, den direkten Blick in die Sonne über längere Zeit ebenso zu vermeiden wie das anhaltende Betrachten winziger, glänzender oder unangenehmer Objekte.
Verschiedenen Formen der Massage wird eine positive Wirkung auf die Augengesundheit zugeschrieben. Die kreisförmige, im Uhrzeigersinn ausgeführte Massage des Bauchnabels mit Öl, etwa Kokos- oder Sesamöl, vor dem Schlafengehen soll, den Quellen zufolge, das Sehvermögen verbessern, da der Nabel über ein Netz von 72000 feinstofflichen Kanälen (Nadis) mit dem gesamten Körper verbunden ist. Die Fußmassage (Padabhyanga), insbesondere des Bereichs zwischen großem und zweitem Zeh, wird speziell bei geschwächter Sehkraft oder Augenerkrankungen empfohlen. Auch die regelmäßige Massage der Kopfhaut (Shiroabhyanga), des Nackens, der Wirbelsäule und der Schläfen soll Sehvermögen und Konzentrationsfähigkeit verbessern. Der Massage von Kopf und großen Zehen wird zudem eine regulierende Wirkung auf das Alochaka Pitta in den Augen zugesprochen.
Innerhalb der speziellen ayurvedischen Augentherapien (Kriyakalpa) werden mehrere, klar voneinander abzugrenzende Verfahren unterschieden. Aschyotana bezeichnet das direkte Eintropfen medizinischer Kräuterflüssigkeit in die Augen. Tarpana hingegen ist ein aufbauendes Verfahren, bei dem rund um die Augenhöhle ein „Damm" aus einer Paste von schwarzen Bohnen und Gerste errichtet wird; in diesen wird medizinisches Ghee gegossen, während der Patient die Augen geschlossen hält, bevor er sie langsam öffnet, um das Mittel aufzunehmen. Putapaka folgt häufig auf Tarpana und dient dazu, mittels des Saftes medizinierter Fette oder Fleischzubereitungen die Kraft der Augen wiederherzustellen. Vidalaka bezeichnet das Auftragen einer medizinischen Paste auf die Augenlider. Tratak schließlich ist eine therapeutische Übung, bei der der Blick so lange auf eine Kerzenflamme gerichtet wird, bis die Augen zu tränen beginnen; diesem Verfahren wird traditionell eine reinigende und regenerierende Wirkung auf die Sehkraft zugeschrieben.
Unter den Augenerkrankungen (Netragata Roga) gilt Abhishyanda, vergleichbar mit einer Bindehautentzündung, als Ursprung fast aller Augenleiden; sie äußert sich durch übermäßige Sekretion oder ein Tränen der Augen. Adhimantha, dem Glaukom verwandt, beschreibt ein schweres Krankheitsbild mit intensiven, wühlenden Schmerzen, bei dem das Gefühl entsteht, der Augapfel werde aus seiner Höhle herausgezogen.
Personen, die an Augenerkrankungen leiden, wird traditionell geraten, auf das Zähneputzen mit Holzstäbchen zu verzichten, das Baden zu vermeiden und, sofern die Augen gerötet oder trocken sind, vom Kauen von Betelblättern abzusehen.
Der Eintrag ist der Tradition des klassischen Ayurveda zuzurechnen, mit besonderem Bezug zu den Disziplinen der Dinacharya und der Kriyakalpa; Hinweise auf eine Verbindung zur Methode Kusum Modak liegen nicht vor.
Siehe auch die Einträge Alochaka Pitta, Kapha, Vata, Padabhyanga, Tarpana, Triphala und Abhishyanda.
ayur yoga massage · Thai-Massage · Shiatsu · Ausbilderin
Anne Wuchold
Anne ist seit 15 Jahren Yoga- Thaimassage und Shiatsu- Therapeutin.
Sie lebte 10 Jahren in Indien, die letzten 5 Jahre in Ägypten, arbeitet weltweit als Körpertherapeutin an Land und im Wasser - Yogalehrerin und Freedive-Instructor, leitet Ausbildungen in Deutschland, begleitet Spirituelle Yoga Reisen durch Indien und Blauer Lotus und heilige Tempel Reise in Ägypten und managed ihr Retreat-Center auf Sardinien.
Als gelernte Schauspielerin vereint sie Heilung, Humor und Leichtigkeit sowie präzise Technik in ihren Ausbildungen. Seit über 10 Jahren ist sie in der Pflanzenmedizin aus verschiedenen Traditionen geschult und hat 2007 Yogatherapie in Kerala studiert.
In Chiang Mai, Thailand, lernte sie von Thaimassage-Meistern mit denen sie heute zusammenarbeitet und deren Wissen weltweit weitergeben darf.


